Wattens, wohin gehst du?

Offener Brief an die Bevölkerung von Wattens

Im Zuge der Umbaumaßnahmen für das neue Trainingsgelände der WSG Tirol wurden am 20. Mai 2020 sämtliche Bäume auf der Wattner Sportanlage gerodet. Nur ein paar Bäume? Die Probleme wurzeln tiefer. Öffentlicher Raum geht verloren, Gemeinwohl ist gefährdet. Bürgerinnen und Bürger werden mangelhaft informiert und nicht beteiligt.

Dieser Text ist eine Kritik an grundsätzlichen Herangehensweisen. Er wird von Auszügen der Vision Wattens begleitet. Diese beschreibt in überlegten Worten, wie eine zeitgemäße Ortsentwicklung aussehen könnte. Die Gemeinde scheint übersehen zu haben, welche Aufgaben sie sich damit auferlegt hat.

Umwelt unter Druck

„Neue Projekte in Wattens erfordern einen sensiblen Umgang mit der Umwelt.“Vision Wattens

Am Morgen des 20. Mai fuhren die Bagger auf. Noch vor dem Zwölferläuten war der gesamte, 34-jährige Baumbestand des Wattner Sportgeländes dem Erdboden gleichgemacht.

Das Krachen der achtzehn gesunden Bäume (nicht zehn, wie berichtet) trieb die Anwohnerschaft auf die Straßen und Balkone. Tränen flossen, Entsetzen machte sich breit. Die Tiroler Tageszeitung wurde eingeschaltet (TT online vom 22. Mai 2020, Druckausgabe vom 23. Mai). Auf Nachfrage bedauern die Zuständigen zwar die Rodung. Doch anders sei das Projekt nicht zu verwirklichen.

Es ist schön, dass es in Wattens am Beispiel des Parks am Kirchfeld möglich ist, Grünflachen zu erhalten und neu zu gestalten. Warum ist das am Sportplatz nicht gelungen?

Über den Zaun geschaut

Haben sich die Planenden gefragt, welchen Wert die Bäume für die Anrainerinnen und Anrainer darstellten? Hatten sie im Blick, dass diese Schattenspender in zunehmenden Hitzesommern unverzichtbar werden?

Die Bedeutung von Bäumen kann auch in nackten Zahlen ausgedrückt werden: Laut einer Berechnung des deutschen Fachmagazins Taspo Baumzeitung müsste die Volkswirtschaft pro Jahr durchschnittlich 660 Euro aufbringen, um die Leistung eines einzigen Baumes zu kompensieren. Demnach wurden am Wattner Sportareal mit der Beseitigung der achtzehn Bäume an einem einzigen Vormittag ein volkswirtschaftlicher Wert in sechsstelliger Höhe vernichtet.

Auch abseits von ökonomischen Betrachtungen haben Bäume und Pflanzen eine große Bedeutung: für unsere Gesundheit, unsere Umwelt und das Klima. Sie sind Staubfilter, Lärm- und Sichtschutz, Kühlinsel und Lebensraum – und zwar genau dort, wo sie stehen.

Vielleicht werden nach dem Umbau neue Bäume gepflanzt. Sie würden 34 Jahre brauchen, um die Größe des kürzlich gefällten Bestandes zu erreichen. Ob und wie viel Gehölz überhaupt kommt, wissen wir nicht. Denn die Bevölkerung wird unzureichend informiert.

Verkehrte Vision: Information und Partizipation gesucht

„Der Rückhalt der Vision Wattens durch die Gesellschaft ist der wesentliche Faktor dieses Projekts. Aus diesem Grund werden die Menschen in Wattens und deren Bedürfnisse und Ideen aktiv in den Prozess miteinbezogen. Transparenz und eine offene Kommunikation unter der Bevölkerung sind wesentlich.“Vision Wattens

Der Umbau der Sportanlage ist nicht das erste Bauprojekt der Gemeinde, bei dem die Bevölkerung weitgehend im Dunkeln gelassen wird. Durch mangelnde Transparenz und Kommunikation wird Bürgerinnen und Bürgern die Möglichkeit verwehrt, sich in kommunalen Vorhaben wiederzufinden.

Als am 20. Mai die Bäume fielen, hatte niemand darüber Bescheid gewusst. Welche weiteren Auswirkungen der Umbau auf die Anwohnerschaft und welche Folgen die Verpachtung des Geländes an die WSG Tirol für die Bevölkerung haben wird, ist ebenso unklar. Kein Postwurf, keine Infoveranstaltung. Selbst die persönliche Nachfrage bei Gemeinderäten hat wenig Aufschluss gebracht.

Keine Information – keine Mitsprache

Wo bleibt eine tiefgreifende Beschäftigung mit Partizipation? Wo war sie beim Umbau der Sportanlage? Wäre das Anliegen von Anfang an breit und transparent kommuniziert worden, hätten Bedenken schon früh ausgeräumt werden können.

Die Zuständigen hätten die Bevölkerung in ihre Überlegungen einbinden können. Hätten sie aktiv zugehört, wären sie mit einem vielfältigen Stimmungsbild beschenkt worden, hätten Einwände und Anregungen kennengelernt, eventuelle tote Winkel beheben können. Vielleicht wäre die Frage nach dem Fortbestand der Bäume aufgekommen. Den Planenden wäre aufgefallen, dass diese vielen wichtig sind. Sie hätten die Möglichkeit gehabt, anders, besser zu reagieren.

Deshalb bringen wir unser Anliegen erneut vor. In Wattens wird der Ruf nach einem offenen Dialog immer lauter. Viele, uns eingeschlossen, sind bereit, sich konstruktiv einzubringen. Gemeinwohl braucht Austausch und Zusammenarbeit.

Gemeinwohl in Gefahr

„In Zeiten vielfältiger Veränderungen und Herausforderungen ist es die Aufgabe einer zukunftsorientierten Gesellschaft, sich den Themen der Zukunft bewusst zu werden, darauf zu reagieren und so eine nachhaltige Regionalentwicklung einzuleiten.“Vision Wattens

Wir begrüßen den Aufstieg der WSG Tirol in die Bundesliga und verstehen, dass das Sportareal für diese neue Situation adaptiert werden muss. Dass hier laut den Gemeindeverantwortlichen „viel Wertvolles für das Gemeinwohl“ entstehe (TT online vom 22. Mai 2020), unter anderem durch die WSG-Nachwuchsarbeit, darf zumindest in Zweifel gezogen werden.

Leistungsorientierte Selektion

Das neue Sportareal ist auf Leistungssport ausgerichtet, unterstrichen durch die Ausbildungsphilosophie der WSG. In einem Brief vom 30. Mai 2018 informierte der Verein seine Nachwuchsmannschaften über die anstehenden Änderungen: Deren sportliches Niveau solle etwa durch „leistungsorientierte Selektion“ erhöht werden. Kinder, bei denen die „Leistungsvoraussetzungen nicht in genügendem Maß gegeben sind“, werde ein „Verbleib bei der WSG nicht mehr möglich sein“. Der Verein weist in diesem Zusammenhang auf „Partnervereine in der Region“ hin, „wo die Kinder weiterhin aktiv sein können“.

Eine solche Praxis ist legitim und weit verbreitet. Aber worin genau sieht die Gemeinde hier den großen Wert für das Gemeinwohl, also das Wohl, das „aus sozialen Gründen möglichst vielen Mitgliedern eines Gemeinwesens zugute kommen soll“ (Wikipedia)? Und wie lässt sich die zumindest zehnjährige Verpachtung einer ehemals öffentlichen Sportanlage an einen privaten Verein damit vereinbaren?

Hobbygruppen werden sich vermutlich unter Voranmeldung und Berücksichtigung der WSG-Trainingspläne einschränken müssen. Basketball und Volleyball finden – laut den bislang veröffentlichten Plänen – gar keinen Platz mehr.

Verlust von sozialem Raum

Das Sportgelände war über Jahrzehnte ein beliebter sozialer Raum. Menschen aus Wattens und den Nachbargemeinden kamen hier zusammen, unabhängig von ihren Interessen, ihren finanziellen Verhältnissen und ihrem fußballerischen Geschick. Sie schätzten diesen Treffpunkt, saßen im Schatten der Bäume, genossen ihre Freizeit.

Diese Zeit ist vorbei. Studiert man den Plan der neuen Anlage (R19 vom Mai 2020), stellt sich die Frage, wo hier Bürgerinnen und Bürger noch qualitätsvoll und leistungsfrei Zeit verbringen können.

Rückschritt für die Leichtathletik

Auch am neuen Sportareal wird für Gemeinwohl gesorgt, aber nur mehr untergeordnet. Die Leichtathletik-Anlage soll „topmodern“ wiedererrichtet werden, etwa für den Behindertensport (TT online vom 22. Mai 2020). Die Expertise der Sportgemeinschaft Wattens, die hier jahrzehntelange Inklusionsarbeit durch gemeinsamen Sport von Menschen mit und ohne Behinderung betrieben hat, wurde jedoch ignoriert. Selbst ihre Petition zum Erhalt der Leichtathletik-Anlage, die im Sommer 2019 von über 450 Personen unterzeichnet wurde, blieb ungehört. Die Planenden nehmen offenbar in Kauf, dass die neue Anlage nicht mehr wettkampftauglich sein wird. Damit geht die überregionale Bedeutung dieses Ortes für Inklusion und Leichtathletik verloren.

Demokratie reparieren

So stoßen die oft und gerne betonten, einstimmigen Beschlüsse des Gemeinderates an ihre Grenzen. Es ist eine große Herausforderung, in einer zunehmend komplexen Gesellschaft als 20-köpfiges Gremium umsichtige Entscheidungen für das Gemeinwesen zu treffen. Dies zeigt sich am Beispiel der Umgestaltung der Wattner Sportanlage.

Aber: Das Gremium könnte die Meinungen, das Wissen und die Kreativität der Bevölkerung und besonders derer, die von geplanten Maßnahmen direkt betroffen sind, im Vorfeld einholen, Entscheidungsprozesse verbreitern und Bürgerinnen und Bürger zu Beteiligten machen. Um dorthin zu kommen, braucht es eine unvoreingenommene und ständige Auseinandersetzung mit modernen Formen von Demokratie, bei denen Lösungen nicht von einigen wenigen verkauft und umgesetzt, sondern von vielen gemeinsam erarbeitet werden.

Es ist Zeit, über bessere Formen von Demokratie nachzudenken, in denen politisches Handeln und Zukunftsfähigkeit Hand in Hand gehen. Wir sind überzeugt: Ernsthafte Partizipation und moderne Demokratie sind auch in Wattens möglich. Machen wir uns auf den Weg für diesen neuen Dialog. Für uns alle, für das Heute und die Zukunft unserer und der folgenden Generationen.

Keine Teilnahme, keine Vision

Fast warnend wird in der Vision Wattens daran erinnert, wie keine Vision zustande kommt:

„Kurzsichtigkeit anstelle von Weitblick, Einzelinteressen anstelle von Gemeinwohl, technologische Innovationen ohne Förderung von gesellschaftlichen Lernprozessen, kein Ausgleich zwischen ökonomischen, ökologischen und sozialen Interessen, keine bürgerschaftliche Teilnahme, keine Vision.“Vision Wattens

Im Namen von vielen: Ulrike Mariacher, Jasmin Reinalter, Monika Steinlechner, Linda Kutter, Lukas Öfner, Judith Erler, Reinhard Egger, Alexander Erler, Christof Haas, Nadja Geisler, Bianca Klausner, Lydia Steiner, Valentina Daxl

Schreib uns: austausch@wattenswandeln.at

Langversion

Hier gibt’s den offenen Brief als Langversion, ergänzt um weitere Informationen.