24. Dezember: Die Launen des Königs

In einem fernen Land regierte ein König, der zwei Persönlichkeiten hatte. Am einen Tag war er überschwänglich, lobte sein Volk in den höchsten Tönen und erließ ihnen die Steuern. Am nächsten Tag war er griesgrämig, fühlte sich hintergangen und setzte die Steuern wieder ein, viel höher, als sie vorher waren. Der König war sich seines Problems bewusst und beauftragte die Weisen, ihm ein Heilmittel zu besorgen. „Lasst alle eure Arbeiten stehen und liegen und seid mir zu Diensten, ich bitte euch!“ Doch die Weisen wussten dem König nicht zu helfen: Kein Kraut, kein Spruch, keine Alchemie konnte den König heilen. Daraufhin weinte er bitterlich. Da kam eines Tages ein Fremder in zerschlissenem Gewand und bat, vor den König treten zu dürfen. „Eure Hoheit“, sagte er, „auch in meinem Land hört man von Eurer Verdrossenheit. Ich bin gekommen, um Euch das Gegenmittel zu bringen.“ Und damit reichte er dem König ein kleines Lederkästchen. Der König bedankte sich begeistert, nahm es und entdeckte einen einfachen Silberring. „Ist das ein Zauberring?“, fragte er. „Gewiss“, antwortete der Fremde, „aber er entfaltet seine Wirkung erst, wenn man ihn am Finger trägt. Jeden Tag beim Aufstehen müsst Ihr seine Inschrift lesen und Euch jedes Mal, wenn Ihr den Ring anseht, an sie erinnern.“ Der König entdeckte die Inschrift und las sie laut vor: „Sei dir bewusst, dass auch dies vergänglich ist.“

Nach Jorge Bucay: Komm, ich erzähl dir eine Geschichte


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